Was bisher geschah: Josie hat ihren ersten Geburtstag
gefeiert und ist jetzt endlich ein richtiges Kleinkind und Papa Bruno ist immer
noch ganz vernarrt in sie.
Liam gibt unterdessen immer noch den rebellischen Teenager.
Nachdem Svea ihn mit einer seiner OnS im Whirlpool erwischt hat, versucht Greg
seinem Sohn ins Gewissen zu reden, aber dieser will von all dem nichts hören.
Während also Svea und Greg nicht gerade rosige Zeiten mit
ihrem Nachwuchs erleben, denkt Bruno tatsächlich still und heimlich schon über
ein Geschwisterchen für Josie nach.
Wie praktisch, dass just in diesem Moment Rosalie von der
Arbeit nach Hause kommt. „Hallo, mein Schatz, wie war die Arbeit heute?“
„Ach ganz gut. Heute gab’s ausnahmsweise mal keine
schwierigen Gäste. Die waren überraschenderweise echt pflegeleicht alle.“
„Das freut mich zu hören. Weißt du eigentlich, dass du echt
sexy aussiehst in deiner Kochjacke. Von mir aus kannst du die immer tragen.“
„Ne, lieber nicht.“, lacht Rosalie. „Ich zieh mich besser
mal um. Ich stinke voll nach Fett und Essen.“
„Oh, also da helf ich dir doch gerne bei.“ Während er ihr
endlich einen Begrüßungskuss gibt
, zieht er sie schon Richtung Schrank und
schiebt dabei die Schranktür auf, damit die zwei nach drinnen verschwinden können.
„Puh, also das war wie immer der Hammer.“ Rosalie schnappt
nach Luft, als sie wieder aus dem Schrank herauskommen, aber sieht ziemlich
zufrieden aus.
„Jetzt bin ich aber wirklich kaputt und muss ins Bett.“
Schneller als Bruno was erwidern kann, hat sie sich umgezogen, ist unter die
Bettdecke gehüpft und ist nicht lange danach auch schon eingeschlafen.
‚Verdammt‘, flucht Bruno innerlich vor sich hin. ‚Hätte ich
die Sache mit dem zweiten Kind doch bloß vorher angesprochen. Na ja, egal, dann
halt in den nächsten Tagen. Ich finde schon noch den richtigen Augenblick.‘
Rosalie muss am nächsten Tag erst spät zur Arbeit. Dadurch
kann sie sich den ganzen Vormittag um Josie kümmern. Und die freut sich ganz
besonders, so viel Zeit mit ihrer Mama verbringen zu können.
Die beiden starten in den Tag mit einer lustigen Runde in
der Badewanne.
Nach dem Frühstück liest Rosalie ihrer Tochter aus einem
Prinzessinenbuch vor.
Natürlich hat Josie danach auch gleich Lust selber eine
Prinzessin zu sein und deswegen will sie gleich mit Mama am Puppenhaus spielen.
Aber an diesem Tag kümmern sich die beiden auch um die
wichtigen Dinge des Lebens, wie zum Beispiel, dass man lernt richtig aufs
Töpfchen zu gehen.
Angeregt von Josies Bemühungen muss dann auch Rosalie schnell
für kleine Mamas und verschwindet mal eben auf Toilette. Das aber gar nicht
schlimm, den Josie kann sich durchaus auch alleine beschäftigen. Schließlich
lässt ihr großes Zimmer keinen Wunsch offen.
Doch lange bleibt Josie nicht alleine. Denn schon steckt Oma
den Kopf zur Tür herein und als sie sieht, dass die Kleine alleine ist, nutzt
sie ihre Chance und setzt sich zur ihr, um mit ihrer Enkelin ein bisschen mit
den Flashkarten zu spielen.
„Oh, das hast du ganz toll gemacht!“, lobt Svea ihre Enkelin
hinterher.
„Du bist ja schon ein richtig großes Mädchen und kennst schon
fast alle Tiere. Wirklich toll.“ So langsam wird Josie aber quengelig und hat
keine Lust mehr zu spielen oder zu kuscheln.
„Bin müde. Will schlafen.“, mault sie ihre Oma an. Svea guckt
auf die Uhr. „Ach ja, ist ja auch schon Zeit für deine Mittagsstunde. Na komm
Oma liest dir noch was vor. Dann geht das einschlafen leichter.“ Zwischendurch
hat auch Rosalie schon durch den Türspalt ins Zimmer gespäht, aber als sie ihre
Mutter mit ihrer Tochter da am Bett gesehen hat, hat sie die Tür gleich ganz
leise wieder zugemacht. Was soll sie da auch noch einmischen? Josie ist bei
ihrer Oma in guten Händen und so kann sie sich wenigstens in Ruhe für die
Arbeit umziehen.
Liam hat sich in der Zwischenzeit mit seinem Hausarrest
angefunden. Man muss ja nicht unbedingt rausgehen um Spaß zu haben. Und damit
seine Eltern nicht wieder so abdrehen, hat er sich halt heute mal ein Mädchen
in seinem Alter eingeladen. Da können sie ja wohl nichts zu sagen. Außerdem hört
diese Cheerleaderin danach vielleicht endlich auf ihn ständig zu nerven und zu
verfolgen. „Hallo Brigitte, wie nett, dass du kommen konntest.“
Ja, dieses Mal hat er sich sogar den Namen des Mädchens gemerkt.
Wobei das nicht sonderlich schwer war, schließlich tauchen sie und ihre
Freundinnen jeden Tag bei seinem Footballtraining auf und rufen den Jungs laut
zu, wer sie sind. „Und bereit zum
Lernen?“, fragt er sie schnell.
Brigitte guckt ein wenig irritiert. Wieso lernen? Sie dachte,
er hat sie eingeladen, weil er sie näher kennen lernen wollte. Aber Liam hat
das nicht ohne Grund gesagt, denn genau in dem Moment kam sein Vater aus dem Arbeitszimmer
und Liam hatte echt keine Lust auf eine Szene, wenn er ein Mädchen dahat.
Als sein Vater zur Tür raus ist, um zur Arbeit zu gehen, klärt
er sie auf. „Also natürlich gehen wir nicht wirklich lernen. Wie soll ich mich
denn konzentrieren, wenn so ein heißes Gerät neben mir sitzt. Das hab ich nur
gesagt, damit mein Alter keinen Stress macht, wenn du verstehst.“ Er zwinkert
ihr zu. Und natürlich versteht sie was er meint.
Aber auch Greg ist gar nicht so senil, wie sein Sohn
vielleicht denkt. Der hat den Braten doch gerochen und seiner Frau von vor der
Tür eine SMS geschickt, dass sie doch mal nach Liam gucken soll, was der so
vorhat. Gerade als Liam eine weitere Flirtattacke starten will, kommt sie die
Treppe runter.
‚Oh man, das nervt. In diesem Haus hat man aber auch nie
seine Ruhe. Ständig kommt einer und will dich kontrollieren.‘ Genervt rollt Liam
innerlich mit den Augen. „Ach du hast Besuch Liam? Wer ist denn die bezaubernde
junge Dame? Und was habt ihr so vor?“, fragt Svea ihren Sohn.
„Ja, also das ist Brigitte von den Cheerleadern und wir gehen
jetzt Hausaufgaben machen. Wäre also toll, wenn du uns bitte in Ruhe lassen
würdest. Danke.“ Schnell zieht er Brigitte die Treppe hoch, bevor seine Mutter
noch mehr Fragen stellen kann.
„Krass, ist das ne geile Hütte hier.“, beeindruckt lässt
Brigitte sich auf Liams Sofa fallen. „Was dagegen, wenn ich mal eben ein Foto
mache für meinen Instasimaccount. Die anderen Mädchen glauben mir das sonst
nie, dass ich bei dem berüchtigtem Liam zu Hause war.“
„Tu dir keinen Zwang an.“
„Cool, und was machten wir jetzt? Hier rumsitzen? Oder gibst
du mit ne Führung durch dein Zimmer?“, grinst sie ihn an.
„Na, aber klar. Also hier drüben haben wir meinen
Schreibtisch mit meinem PC. Von hier aus hab ich gerade einen super Ausblick
auf eine heiße Cheerleaderin.“
„Und wenn du deinen Blick nach rechts richtest, dann siehst
du da mein gemütliches, großes Bett, das Platz für zwei bietet.“
„Oh, darf ich mal kurz? Ich glaube du hast da was am Hals,
ich mach das mal eben weg.“
„So und schließlich haben wir hier meinen geräumigen
Schrank, in den nicht nur Klamotten reinpassen. Da ist so viel Platz drinnen,
da kann man auch ganz andere Dinge drinnen tun, als sich umziehen. Ich
demonstriere dir das mal kurz.“
„Ich kann dir das ganze aber natürlich auch noch mal in
Originalumgebung vorführen.“, zwinkert er ihr zu und lockt sie in seinen
Schrank. Nach ein paar Minuten kommen die zwei schon wieder heraus. „Wow, also
das war ja was. Aber was hab ich anderes erwartet von einer Cheerleaderin. Du
bist echt ganz schön gelenkig. Kompliment.“
„Danke!“
Bei all dem Stress mit seinen Eltern hat Liam aber total
vergessen mit Brigitte vorher zu sprechen, dass er ganz und gar nicht auf eine
Beziehung aus ist jetzt und nur Spaß haben will. ‚Verdammt‘, denkt er sich. ‚Hoffentlich
macht die jetzt keinen Aufstand deswegen.‘
„Also hör mal Brigitte, ich bin mir ziemlich sicher, dass du
schon gehört hast, wie das bei mir läuft. Ich bin echt nicht so der
Beziehungstyp. Mit mir kann man Spaß haben so viel wie man will, aber mehr
läuft da nicht. Ich hoffe du verstehst das.“
„Ähm, ja klar, ich bin ja nicht blöd. Ich bin ja keine, die
gleich nach ein bisschen rumknutschen denkt sie wäre mit nem Typen fest
zusammen oder so.“
„Gut, dann sind wir ja cool.“
„Tja, wäre dann auch cool, wenn du gehen würdest. Ich mein
wir haben getan, wozu du hier warst und auf Hausaufgaben hab ich gerade so gar
keinen Bock, also mach’s gut, wir sehen uns bestimmt beim Training oder so.“
Ein bisschen irritiert ist Brigitte jetzt schon von seinem plötzlichen und
vehementen Rauswurf. So krass hat SIE noch keiner abserviert.
Trotzdem verlässt sie ohne Widerworte das Haus und Liam ist
ziemlich zufrieden mit sich und wie er die Situation mit dem Hausarrest entspannt
hat.
Spät in der Nacht, als alle anderen schon schlafen, kommen
schließlich auch Rosalie und Bruno nach Hause. Während Bruno noch schnell ein
paar Regierungsgeheimnisse durchforsten muss, leistet Rosalie ihm bei ihrem Mitternachtssnack
Gesellschaft.
„So, fertig!“, Bruno fährt den Computer runter und sieht
seine Frau an. ‚Ok, heute sprech ich sie drauf an. Ich weiß nur noch nicht wie,
aber das kommt bestimmt schon von ganz alleine.‘, beschließt er. Entschlossen
geht er auf sie zu. „Du siehst ganz schön müde aus. Ich finde wir sollten mal
nach oben ins Schlafzimmer gehen, damit ich dir helfen kann dich zu entspannen.“
„Ach du alter Verführer. Du hast doch bestimmt schon wieder
ganz andere Sachen im Kopf, so wie ich dich kenne. Aber du hast Glück, ganz so
müde bin ich dann doch nicht. Ich könnte mich durchaus zu einer Runde
Bettgymnastik überreden lassen.“
Da hat Bruno schon wieder alle Vorhaben vergessen und eilt
seiner Liebsten hinterher ins Schlafzimmer, damit er ihr flugs ins Ehebett
folgen kann.
Am nächsten Morgen sitzen Svea und Greg mit Liam zusammen am
Frühstückstisch und können endlich mal mit ihm reden. Dazu kam es ja gestern,
nachdem sein Besuch weg war nicht mehr. Allerdings ist diese Unterredung dringend
notwendig, denn Svea hat gestern Abend noch einen beunruhigenden Anruf aus
Liams Schule bekommen. Wie es scheint, läuft es bei nicht wirklich so rund, wie
er immer behauptet. Er steht wohl ganz schön auf der Kippe.
„Sag mal, Liam, wie läuft es denn mal abgesehen von allem
anderen so in der Schule?“, fragt Svea vorsichtig nach.
„Ja, gut.“, Liam ist wie immer recht kurz angebunden.
„Hm, sicher?“, bohrt sie weiter. „Nichts, was du uns sagen
willst?“
„Was denn?“
„Tja, also ich hab gestern Abend einen Anruf von deinem Coach
bekommen. Wie es scheint steht es nicht allzu gut um deine anderen Noten außer
in Sport. In vielen Fächern stehst du wohl ganz schon auf der Kippe. Er meinte
sogar, wenn du dich nicht besserst, könntest du vom Training ausgeschlossen
werden. Solange bis deine Noten wieder in einen akzeptablen Bereich kommen.“
Liam, der sonst immer so taff ist, macht jetzt ein ziemlich verzweifeltes
Gesicht.
„Hör mal Schatz, wenn du Hilfe brauchst in der Schule oder
bei den Hausaufgaben kannst du immer zu uns kommen, dein Vater und ich helfen
dir gerne. Wir wollen doch auch nicht, dass du den Football aufgeben musst,
aber wenn du dich nur noch darauf konzentrierst und alles andere schleifen
lässt, dann ist es vielleicht besser, wenn du wirklich eine Pause beim Spielen
einlegst.“
Hastig räumt Liam plötzlich seinen Teller ab. „Ne, lass mal.
Ich komm schon klar. Brauch keine Hilfe. Ich krieg das schon wieder hin. Muss dann
jetzt auch los. Will ja nicht zu spät kommen. Tschüss.“ Übereilt verlässt er
das Haus und lässt seine Eltern wieder einmal ratlos zurück.
In der Schule bessert sich seine Laune auch nicht unbedingt.
Denn er hat wieder einmal vergessen, dass sie heute zwei Tests schreiben und
hat für beide nicht gelernt.
‚Na ja, wird schon schief gehen.‘, entschließt er und guckt
sich noch mal den Stoff für das schwerer Fach oberflächlich durch. Den anderen
wird er sich schon so durchschummeln können. Geholfen hat das allerdings auch
nicht wirklich.
Im Schulbus auf dem Weg nach Hause, klingelt dann plötzlich
sein Handy.
‚Na super. Was will der denn jetzt? Hoffentlich bin ich
nicht aus dem Team geflogen.‘ Mit zitternden Fingern nimmt er den Anruf
entgegen.
Der Direktor hält ihm einen Vortrag über Fleiß und Verantwortung.
Dass man immer seine Hausaufgaben machen muss und auch gute Noten einem nicht
so in den Schoß fallen. Liam hat ihn angefleht, ihm noch eine Chance zugeben
seine Noten zu retten und ihn weiter spielen zu lassen. Zum Glück für ihn, ist
der Direktor ein großer Fan der Schulfootballmannschaft und Liam ist ihr
Starspieler. Wenn er nicht mehr mitspielen würde, würden sie wahrscheinlich das
nächste Spiel gegen die Nachbarschule verlieren, also stimmt der Direktor
seiner Bitte zu. Als Liam schließlich auflegt, ist seine Laune noch mieser als
am Morgen.
Zuhause grübelt auch Greg immer noch über das Verhalten
seines Sohnes und wie er ihm helfen kann beziehungsweise wie er erstmal
überhaupt wieder an ihn herankommt. Er kann sich aber überhaupt nicht konzentrieren
und wollte sich eigentlich beim Yoga ein wenig fokussieren, doch mit all den
negativen Gedanken im Kopf, will ihm auch das nicht gelingen und er bringt keine
vernünftige Position zu Stande.
Unbemerkt gesellt sich Bruno zu ihm und stellt sich auf die
zweite Matte neben ihn. „Na Greg alles klar?“
„Hm, geht so.“, brummelt der.
„Also halte mich jetzt bitte nicht für neugierig oder so,
aber ich hab zufällig eure Schwierigkeiten mit Liam mitbekommen. Tut mir leid,
ich wollte nicht lauschen.“
„Ach schon gut, weiß ich doch, dass du nicht absichtlich
gelauscht hast. Was soll ich dich auch anlügen? Also wenn ich ehrlich bin,
macht mich der Junge wahnsinnig im Moment. Er lässt einfach nicht mit sich
reden, ständig stößt er Svea und mich weg. Svea macht sich schon Vorwürfe, was
sie alles falsch gemacht hat bei Liam und ich zweifle langsam auch an meiner Elternkompetenz.
Ich bin wirklich am Ende mit meinem Latein.“
„Ich glaube ich muss dir mal eines sagen. Ihr seid wirklich
tolle Eltern. Denkt bitte nie was anderes. Ich wäre aus dem Häuschen gewesen,
wenn ich solche Eltern wie euch gehabt hätte. Liams Verhalten ist wirklich nicht
euch zuzuschreiben. Ich bin zwar noch neu in diesem Elternding, aber ich glaube
manchmal sind Teenager ziemlich schwierig und testen ihre Grenzen aus.
Wahrscheinlich schlagen sie dann auch mal komplett in die andere Richtung aus,
wie sie eigentlich erzogen worden sind. Aber ich denke irgendwann ist dann auch
mal der Zeitpunkt gekommen, wo sie sich genug die Hörner abgestoßen haben,
bevor noch jemand zu Schaden kommt.“
„Mag ja sein, dass du recht hast. Aber ich weiß immer noch
nicht, wie ich zu ihm durchdringen soll.“
„Also eigentlich bin ich ja auch hier, weil ich da so eine
total verrückte Idee hatte. Vielleicht hilft es ja, wenn mal jemand anderes mit
ihm redet, außer seinen Eltern. Wenn du nichts dagegen hast, würde ich ihn mir
mal schnappen und ein paar Takte Klartext mit ihm reden. Ich glaube Liam ist
mit gar nicht so unähnlich, als ich ein Teenager war. Alles nur mit eurem Einverständnis
natürlich.“
„Das würdest du tun? Wenn du das schaffst, dann bin ich dir
auf ewig dankbar. Ich wünsch mir so sehr meinen alten Liam zurück.“
„Gut, dann rede ich nachher mal mit ihm. Warum gehst du
nicht solange nach oben und guckst mal was Josie so macht. Sie hat vorhin schon
ganz sehnsüchtig nach ihrem Opa gefragt.“
„Wieso eigentlich nicht. Ich bekomme das heute eh nicht auf
die Reihe mit dem Yoga. Dann geh ich mal gucken, was meine süße Enkelin so
macht.“
Oben angekommen trifft er aber erstmal auf Rosalie, die auch
mitbekommen hat, dass es ihrem Vater nicht so gut geht. Deswegen drückt sie ihn
einfach ohne ein weiteres Wort einmal ganz fest.
„Also nicht, dass ich nicht gerne umarmt werde, aber womit
hab ich denn diese Umarmung verdient?“, fragt er sie lächelnd.
„Ach einfach so. Weil du der beste Papa und Opa auf der
ganzen Welt bist. Wollte ich dir einfach nur mal wiedersagen.“
Da kommt auch schon „Opa!“ rufend Josie auf die beiden zu
getrottet. „Opa soll Bauklötze spielen.“, verlangt sie sofort. Und das kann
Greg ihr natürlich nicht abschlagen und geht umgehend mit ihr ins Wohnzimmer
Türmchen bauen.
Also ihre Mama kann ja schon tolle Türme bauen, aber ihr Opa
ist immer noch der König der Bausteine, findet Josie und freut sich jedes Mal,
wenn Greg sich mit ihr hinsetzt und die schönsten Türme baut.
„Oh, du bist aber auch einfach ein Sonnenschein.“, freut
sich Greg.
„Und noch so unkompliziert. Du weißt zum Glück noch nicht mal,
was Jungs sind. Von mir aus kannst du gerne noch ein bisschen so klein bleiben.“
Josie ist aber noch nicht fertig mit ihrem Opa und möchte
jetzt ein Buch lesen.
„Na, mal gucken, was wir da so Schönes finden. Ah, hier ist
ein Buch über einen Dino, ich glaube das ist ganz gut.“ Gebannt hängt Josie an
Opas Lippen und lauscht seiner Geschichte.
Rosalie nutzt derweil die Zeit, um mal wieder ein bisschen
aufs Laufband zu gehen. Ihre Kondition hat nämlich stark abgebaut in letzter
Zeit. Man sollte es zwar nicht meinen, aber auch in ihrem Job ist eine gute
Ausdauer Gold wert und sie hat gemerkt, dass ihre nicht mehr wirklich so gut
ist und sie schnell erschöpft ist. Deswegen nutzt sie jetzt jede freie Minute
und trainiert wieder ein bisschen.
Als dann aber Schlafenszeit für Josie ist, ist Greg ganz
froh, dass Rosalie das wieder selbst übernimmt. So ein Kleinkind kann einen
alten Mann doch auch ganz schön auspowern. Also schnappt Rosalie sich nach dem
Training ihre Tochter und bringt sie nach oben.
„So, zeit zum Schlafen mein Liebling. Du hast ja heute
wieder ganz schön viel gespielt.“
Gerade als Rosalie einmal um das Bett herum gehen will,
damit sie sich dorthin setzten und Josie eine Geschichte vorlesen kann, steht
Josie einfach wieder auf. Sie hat nämlich noch keine Lust zu schlafen, egal wie
müde sie eigentlich ist.
Aber Rosalie bleibt konsequent. Sie kennt ja schon die
kleinen Aufstände ihrer Tochter schon. Bestimmt, aber liebevoll steckt sie sie
wieder ins Bett und bittet sie liegen zu bleiben. Josie ist zwar ein wenig
maulig, aber auch sie kennt ihre Mutter schon und weiß, dass diese nicht
nachgeben wird. Also bleibt sie liegen und Rosalie fängt an Josies
Lieblingsbuch zu lesen.
Es dauert dann tatsächlich auch nicht lange und die Kleine ist
eingeschlafen und träumt selig von dem tollen Tag mit ihrem Opa.
Liam hat sich nachdem er aus der Schule wiedergekommen ist,
sofort in den Fitnessraum zurückgezogen und lässt seine Wut am Boxsack aus.
Da kommt Bruno von nebenan und stellt sich in die Tür. „Na
Großer, was dagegen, wenn ich mit trainiere? Ich hab ganz schön nachgelassen in
der letzten Zeit.“
„Tu dir keinen Zwang an.“, gibt Liam zurück. „Hier kannst
den Boxsack haben, ich wollte eh noch ein paar Gewichte stemmen. Also stellt
Bruno sich an den Boxsack und Liam setzt sich auf die Hantelbank.
So trainieren die beiden eine Weile schweigend vor sich hin,
bis sie sich ausgepowert haben. „Gutes Training.“, findet Bruno und Liam nickt
zustimmend.
„Und hast du heute noch was vor oder hast du Zeit noch eine
Runde Weck-das-Lama-nicht mit deinem Schwager zu spielen. Da hab ich heute Abend
so richtig Lust drauf.“
„Ehrlich? Das alte Kinderspiel? Ich glaub da passe ich, das
ist nichts für mich. Fragt doch meine Schwester, die spielt bestimmt gerne mit dir.“
„Aha, das Greenhorn hat also Angst gegen den alten Mann zu
verlieren. Kann ich verstehen. Ich bin auch ziemlich gut. Hab ne ruhige Hand.
Das kann auch nicht jeder.“
Brunos kleine Stichelei zeigt Wirkung bei Liam und er lässt
sich doch breitschlagen. „Aber nur eine Runde.“, setzt er noch schnell an,
bevor es losgeht.
„Ja, ja, das reicht mir, um dich fertig zu machen.“ Während
Bruno mit ruhiger Hand einen Stab nach dem anderen aus dem Turm zieht, ist Liam
nach einer geheimnisvollen SMS nicht mehr so konzentriert.
Schließlich bricht der Turm tatsächlich zusammen, als Liam
an der Reihe ist.
„Gutes Spiel, hast gewonnen, ich geh dann mal.“
„Warte Liam, bleib mal noch sitzen. Ich glaube wir zwei
müssen uns mal unterhalten.“
„Boah, nicht ehrlich du jetzt auch noch. Haben meine Eltern
dich auf mich angesetzt? Mir reicht das schon, dass die mich ständig vollsülzen,
da musst du jetzt nicht auch noch kommen mit irgendwelchen Moralpredigten.“
Bruno gefällt das gar nicht, wie Liam über seine Eltern
spricht und auch seine abweisende Art. Zu sehr wird er aber auch an sich selber
erinnert. Bevor er Rosalie kennen gelernt hat, war er ganz genauso. Er hatte
vor niemandem Respekt und sagen lassen hat er sich sowieso schonmal gar nichts.
Allerdings hat ihm das auch ne Menge Ärger eingebracht, das möchte er Liam ersparen.
„Weißt du Bruno. Ich bin kein kleines Kind mehr. Ich kann
Sachen schon ziemlich gut selber entscheiden, dass müssen meine Eltern einfach
langsam mal akzeptieren.“
„Außerdem weiß ich gar nicht, was ihr euch alle so aufregt.
Ist doch gar nichts schlimmes passiert. Ich kann ganz gut auf mich selber
aufpassen.“
„Alles klar Cowboy, jetzt halt mal kurz die Luft an. Erstmal
haben deine Eltern mich nicht vorgeschickt, ich hab ihnen das angeboten, dass
ich mal mit dir rede. Die zwei machen sich ganz schön Sorgen um dich.“
„Die zwei sind echt krank vor Sorge um dich und denken schon
sie sind schlechte Eltern. Du solltest eigentlich wirklich dankbar sein, dass
sich deine Eltern so um dich kümmern und wissen wollen wie es dir geht und was
so los ist bei dir. Ich wäre damals froh gewesen, wenn meine Mutter auch nur
einmal bei mir nachgefragt hätte, wie die Schule läuft. Aber ich hatte nicht dieses
Glück, das du hast. Dein Verhalten deinen Eltern gegenüber ist wirklich nicht
fair. Die haben dir nie was getan. Im Gegenteil sie waren und sind immer noch
bemüht dir ein sorgenfreies Leben zu geben.“
Liam ist tatsächlich ein bisschen eingeschüchtert von Brunos
Manöverkritik und sieht sein Fehlverhalten langsam ein. „Wow, ok, tut mir leid.
Irgendwie hast du ja Recht und ich weiß das auch.“
„Gut, also das ja schon mal ein Schritt in die richtige
Richtung. Aber du solltest dich nicht bei mir entschuldigen, sondern bei deinen
Eltern.“
„Ja, mach ich versprochen.“
„Aber wie kommt das, dass du so aggressiv bist in letzter
Zeit, da liegt doch noch was im Busch. Ich spür das doch.“
„Dir kann man aber auch nichts vormachen.“, gibt Liam ein
bisschen gequält lächelnd zurück. „Ja, stimmt schon, irgendwie bin ich in
letzter Zeit immer nur noch sauer und wütend.“
„Keine Ahnung warum und dann tick ich manchmal wegen der
kleinsten Kleinigkeit aus und sage Sachen auch zu meinen Eltern, die ich hinterher
total bereue. Ich weiß einfach nicht, wie ich das in den Griff bekommen soll.“
„Hm, ich würde ja sagen mach Sport, aber das machst du ja schon
zu genüge.“, grinst Bruno. „Aber vielleicht kannst du ja einfach mal mit deinen
Eltern drüber reden. Vielleicht haben die ja ein paar Tipps für dich und
vielleicht verstehen sie hinterher auch besser, warum du manchmal halt so bist,
wie du bist. Kann auf alle Fälle nicht schaden mit ihnen zu reden.“
„Wenn du meinst, dann kann ich das ja mal probieren.“
„Sehr gut, aber wir sind noch nicht fertig. Also das mit
deinen Eltern haben wir jetzt geklärt. Kommen wir zum nächsten Punkt. Die
Frauen.“ Ach herrje, Liam hat ein bisschen Angst, was jetzt kommt.
„Erzähl mal, wie kommt es dazu, dass du so ein Macho geworden
bist, der von einem Bett ins nächste hüpft. Da steckt doch irgendwas hinter ich
bin doch nicht blöd. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch die SMS von
vorhin da was mit zu tun hat. Die scheint dich ganz schön aus der Bahn geworfen
zu haben.“
„Ah ich weiß nicht. Ich will da nicht so wirklich drüber
reden.“
„Ich schwöre ich schweige wie ein Grab. Das bleibt unser kleines
Geheimnis.“
Liam zögert einen langen Moment, aber vielleicht hilft es ja
doch, wenn er sich endlich mal jemanden anvertraut. „Also schön, aber du darfst mich nicht
auslachen. Egal, wie Kindisch das jetzt klingt, was ich dir erzähle.“ Bruno
legt seine rechte Hand aufs Herz und schwört dicht zu halten.
„Ok. Ähm, also, lange hab ich selbst nicht verstanden, warum
ich mich so gegen eine Beziehung und diese ganzen romantischen Gefühle gesträubt
habe. Nach meinem Geburtstag waren da diese ganzen neuen Hormone und Empfindungen
und Bedürfnisse. Mein Bedürfnis nach Sex konnt ich immer ziemlich schnell und
ausreichend stillen, aber hinterher hab ich mich immer leer gefühlt und hatte
immer so ein komisches Gefühl danach, so als ob mir mein Körper sagen will,
dass das so nicht richtig ist, dass da was fehlt. Doch jedes Mal, wenn ich die
Frauen danach angeguckt habe, hab ich gedacht ‚Die ist es nicht‘. Wobei ich eigentlich
sowieso eher wollte, dass sie es nicht ist. Wenn du verstehst was ich meine.“
„Wahrscheinlich versteh ich dich besser als du denkst. Aber
ich seh nicht ganz, was daran so kindisch sein soll. Ich glaube das machen
viele durch. Was ist da noch?“
„Oh ja, das jetzt der peinliche Teil. Also ich glaub meine Unfähigkeit
Gefühle Frauen gegenüber zuzulassen, kommt aus meiner Grundschulzeit. Es gab da
mal dieses Mädchen. Die war glaub ich sogar ganz niedlich. Also was man so in
dem Alter als niedlich empfindet. Na ja, die hat mir ganz schön zugesetzt.“
Liam muss lächeln, als er an das Auflauern und die Streiche zurückdenkt. „Wie
auch immer. Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf ihre Streiche und hab sie
einfach mal zu mir eingeladen, damit wir uns besser kennen lernen. Ich dachte
immer wir würden uns ganz gut verstehen. Ich fand sie echt nett. Ich dachte wir
wären Freunde, wahrscheinlich war ich sogar ein bisschen in sie verliebt. Ich
hab ihr sogar am Liebestag eine Karte gebastelt und wollte ihr die geben, aber
von einem Tag auf den anderen ist sie mir aus dem Weg gegangen und hat mich gemieden.
Ich glaube das hat mein kleines Jungsherz mehr mitgenommen, als ich jemals zugeben
würde. Danach waren alle Mädchen für mich nur noch hinterhältige Biester, die
einem erst vortäuschen deine Freundin zu sein und dann lassen sie dich fallen.
Wahrscheinlich hatte ich Angst, dass mir das wieder passiert. Ziemlich dumm,
ich weiß.“
„So dumm finde ich das eigentlich gar nicht. Du warst damals
noch jünger. Da weiß man mit solchen Emotionen nicht umzugehen und dann können
da halt solche Sachen bei rauskommen. Was aber leider dein Verhalten diesen
Frauen gegenüber nicht rechtfertigt.“
„Ich weiß“, gibt er kleinlaut zu.
„Dann will ich doch mal hoffen, dass du damit jetzt
aufhörst. Und was hat jetzt die SMS von vorhin damit zu tun? Hat dein Handeln etwa
unerwartete Konsequenzen?“
„Oh nein, um Gotteswillen zum Glück nicht. Nein. Wie gesagt,
hab ich von dem Mädchen nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen seit meiner
Grundschulzeit, also bis vorhin. Die SMS war nämlich von ihr. Ich weiß echt
nicht, wo sie meine Nummer herhat oder wieso sie ausgerechnet jetzt, nach all
den Jahren wieder ankommt.“
„Und was will sie?“
„Sich mit mir treffen.“
„Und was machst du jetzt?“
„Wenn ich das wüsste, wäre schön.“
„Also wenn ich als alter Romantik- und Liebesexperte, der
ich gar nicht bin, einen Rat geben darf. Dann denke ich, solltest du dich mit
ihr treffen. Hören was sie zu sagen hat. Wer weiß, vielleicht hilft dir das,
dass alles zu überwinden und du kannst danach wieder nach vorne sehen.“
„Ach ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Am Ende
gefällt mir das, was sie sagt nicht und ich werde nur noch wütender. Ich muss
da nochmal drüber nachdenken.“
„Tu das. Aber ich habe solange noch eine letzte Sache, die
ich mit dir besprechen möchte. Die Schule. Ich glaube da läuft es auch nicht so
rund für dich, richtig?“ Schuldbewusst lässt Liam die Schultern hängen und nickt
kaum merklich. „Na, zum Glück ist das das Problem, das wir am leichtesten
beheben können. Also raus mit den Hausaufgaben dein Schwager erklärt dir jetzt
mal die wichtigsten Mathematikformeln und wie wichtig richtige Grammatik ist.“,
zwinkert er. „Und in Zukunft machst du die einfach jeden Tag und wenn du Hilfe
brauchst gibt es in diesem Haus genug Leute, die dir mit Freude helfend zur Seite
stehen. Schließlich wollen wir dich alle beim nächsten Spiel auf dem Feld sehen
und nicht auf der Bank.“ Ohne zu Murren holt Liam seine Hausaufgaben und mit
Brunos Hilfe sind diese auch schnell erledigt.
Als er ins Bett geht, muss er noch lange über das Gespräch
nachdenken und über die SMS von Brianne.
Fortsetzung folgt…

















































































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